Home    
 

Copyright by Alexander Troll
Der Artikel ist im Orginal unter der Überschrift "Die polizeilichen Todesschüsse von Nordhausen: Eine Hintergrundreportage aus einerthüringischen Kleinstadt" im Musik und Politikmagazin Wahrschauer Nr. 45 im Februar 2003 veröffentlicht worden
E-Mail: wahrschauer@t-online.de

Die Polizeilichen Todesschüsse von Nordhausen

- eine Hintergrundreportage aus der thüringischen Kleinstadt -

Am 8. Dezember 2002 fahren wir von Berlin über die Autobahn und dann die Bundesstrasse 80 über Halle, Eisleben und Sangershausen nach Nordhausen, das im nödlichsten Zipfel Thüringes in der Nähe der ehemaligen innerdeutschen Grenze liegt. Die Landstraße führt uns über niedrige Hügel Richtung Westen in den Sonnenuntergang. Ein paar Windkrafträder stehen in der Landschaft, daneben ab und zu Teile der unfertigen Südharz-Autobahn A38 aus dem 1991 von der Bundesregierung beschlossenen "Verkehrsprojekt Deutsche Einheit" (Projekt Nr. 13), die irgendwann von Halle durch Nordthüringen bis nach Göttingen verlaufen soll. Am südlichen Horizont hebt sich das Kiffhäusergebirge vom Abendhimmel ab.
Doch wie hat es uns in diese Gegend verschlagen? Durch den persönlichen Brief einer Leserin an die Wahrschauer-Redaktion wurde uns bewusst, dass diese thüringische Kleinstadt nicht nur durch den gleichnamigen Kornbrand bekannt ist, sondern in den letzten Jahren durch den tragischen Tod zweier Menschen in die Schlagzeilen geriet, die am 27.06.1999 und am 28.07.2002 von Polizisten der Direktion Nordhausen unter merkwürdigen Umständen erschossen wurden.
Der eine hieß Friedhelm Beate, der andere René Bastubbe.

Die Leserin schrieb: Mein geliebter Freund ist von einem Polizisten erschossen worden. Ich kann das nicht verstehen! Es ist wie ein Schock für mich. (..) Viele, gerade von der Presse haben zu große Bedenken, diese Tat, also die Arbeit der Polizei, zu kritisieren. (..) Hier ist eine absolute Untat geschehen und das Mindeste muss eine gerechte Aufkärung sein. Ich hoffe, dass ich Menschen finden kann, die mir helfen, diese Geschehnisse öffentlich zu machen. Die Aufklärungen von Straftaten, die durch Polizeibeamte begangen worden sein sollen, führen selten zu einer Verurteilung. So endeten z. B. 98% der eingeleiteten Ermittlungsverfahren in Baden Württemberg in den Jahren 1993/94 und 96% in Berlin zwischen 1994 und 1999 mit einer Einstellung des Verfahrens. Ob diese hohe Quote hauptsächlich auf den Korpsgeist möglicher Polizeizeugen, den Unwillen der Staatsanwaltschaft, deren Nähe zur Polizei eine unparteiische Aufklärung nicht gerade erleichtert, oder einfach darauf zurückzuführen ist, dass Polizisten tatsächlich fast immer zu Unrecht einer Straftat verdächtigt werden, kann durch diesen Artikel nicht generell beantwortet werden. Hier wird es um die konkreten Einzelfällen in Nordhausen gehen. Allerdings lassen diese kaum den Schluss zu, dass der letztgenannte Grund eine hohe Plausibilität hat.Während ich beim Blick aus dem Autofenster in der Silhouette des Kiffhäusergebirges ein steinernes Denkmal deutschen Größenwahns ausmache, das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. zusammen mit der Figur des wiedererwachenden Barbarossa, welches die Reichsgründung von 1871 symbolisieren soll, rufe ich mir noch einmal all das ins Gedächtnis zurück, was ich über den Fall des 1999 von der Polizei erschossenen, harmlosen 62-jährigen Wanderers aus Köln in Erfahrung gebracht habe.

 

Der erste Erschossene: Friedhelm Beate

Friedhelm Beate war ein 62jähriger Rentner aus Köln. Er hatte sich vorgenommen, Deutschland zu Fuß von Westen nach Osten in mehreren Etappen zu durchqueren. Am 27.06.1999 brach er seine Wanderung mittags aufgrund von Kniebeschwerden südlich des Kyffhäusergebirges ab. In dem kleinen Ort Heldrungen, der knapp 40 Kilometer von der Stadt Nordhausen entfernt liegt, nahm er sich ein Zimmer im Hotel "Zur Erholung". Am nächsten Tag wollte er zurück nach Köln fahren. Im gleichen Frühsommer sucht die Polizei nach dem Straftäter Dieter Zurwehme, der 1974 wegen Mordes zu lebenslanger Haft plus 12 Jahren verurteilt worden war, jedoch am 18.12.1998 von einem Freigang nicht mehr zurückkehrte. Auf seiner Flucht im April 1999 brachte er in Remagen zwei Ehepaare um und wurde aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung im Juni zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt vermutet. Am Abend des 27.06.1999 strahlte der MDR seine regelmäßige Sendung "Kripo Live" aus. In einem Beitrag zu dieter Zurwehme wurde gesagt: "Er hatte einen großen Wanderrucksack, eine sogenannte Kraxe, bei sich. (..) "Eine Mitarbeiterin des Hotels "Zur Erhohlung" sah diese Sendung und fühlte sich an Friedhelm Beate erinnert. Der Mann der Mitarbeiterin telefonierte im 20.35 Uhr mit der Polizeidirektion Dessau. Offensichtlich hielten die Dessauer Beamten den Tipp nicht für besonders heiß. Zum einen rufen nach einer solchen Sendung immer zahlreiche Bürger an, deren Hinweise sich später als gegenstandslos erweisen, und zum anderen ist ein Mann mit Rucksack im Thüringer Wald im Sommer kein markantes Erkennungszeichen. Jedenfalls ließen sich die dortigen Beamten eine halbe Studen Zeit, bis die die für Heldrungen zuständige Polizeidirektion Nordhausen von dem Hinweis unterrichteten. Der Polizeiführer vom Dienst in der Polizeidirektion Nordhausen beauftragte zwei Zivilpolizisten mit einer Identitätsprüfung des Hotelgastes, d. h. aus den Polizeivorschriften übersetzt: Er sollte dazu aufgefordert werden, seinen Personalausweis vorzuzeigen. Die Polizeiobermeister Peter Z. und Jörg K. machen sich um 21.40 Uhr auf den Weg nach Heldrungen. Peter Z. (44) wurde als besonders motiviert beschrieben, wollte noch Karriere machen und war in seiner Freizeit begeisterter Sportschütze, der auch privat Waffen besitzen sollte. Jörg K. (30) wurde als besonnen charakterisiert.Gegen 21.50 Uhr fragte ein Beamter der Polizeidirektion telefonisch beim
Thüringer Landeskriminalamt an, ob ein Sondereinsatzkommando (SEK) hinzugezogen werden sollte. Ergebnis: Nein. Vermutlich war der Tipp zu vage. Der LKA-Beamte erkundigte sich, ob die zu Identitätsprüfung eingesetzten Beamten das Fahndungsfoto von Dieter ZUrweme dabei hatten, das an alle deutschen Polizeireviere verschickt worden war. Dies wurde verneint, da das Foto nicht auffindbar gewesen sei. Die Einsatzleitung der Polizeidirektion, die für ein Siebtel Thüringens zuständig war und geografisch auch noch an Sachsen-Anhalt grenzte, also, genau in der Gegend lag, in der zu dieser Zeit die "deutsche Killermaschine" (Bild) vermutet wurde, hatte ganz einfach das Fahndungsfoto verschlampt und weder eine Kopie noch ein Ersatzbild zur Verfügung. Sie war auch unfähig sich dieses Fahndungsfoto innerhalb der nächsten zwei Stunden zu besorgen und den eingesetzten Beamten zur Verfügung zu stellen. Deshalb konnten die beiden Zivilpolizisten dann vor Ort dem Hotelwirt kein Bild des gesuchten Dieter Zurwehme vorlegen.Um sich über die weitere Vorgehensweise zu beraten, trafen sich die beiden Zivilpolizisten später mit sechs weiteren Beamten auf einer Tankstelle in der Nähe des Hotels "Zur Erholung". Die Situation aus der Sicht der Polizisten: Auf der einen Seite war der Hinweis nach wie vor vage, und deshalb sollte kein SEK hinzugezogen werden; auf der anderen Seite wäre die Identitätsprüfung des echten Dieter Zurwehme unter den gegebenen Rahmenbedingungn eine lebensgefährliche Aufgabe für die Beamten. An dieser Stelle begingen die vor Ort befindlichen Polizisten und die Einsatzzentrale in Nordhausen einen weiteren schweren Fehler: Niemand kam bei dieser Beratung auf den naheliegenden Gedanken, die Kollegen in Köln darum zu bitten, einen Streifenwagen bei der Meldeadresse von Friedhelm Beate, diesie vom Hotelwirt erfragt hatten, vorbeizuschicken. Hier wären die Polizisten auf die Ehefrau von
Friedhelm Beate getroffen, die ihr Mann jeden Abend angerufen hatte, um zu berichten, wo er sich gerade befand. An diesem Abend hatte er mit ihr gegen 19.00 Uhr telefoniert und gerade im HOtel sein Abendbrot zu sich genommen. Auch dadurch hätte man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen, dass im Zimmer 11 ein Gewaltverbrecher schlief. Die acht Beamten hätten bis zu dieser Klärung das Hotel überwachen können.Stattdessen verfielen die Polizisten nach Absprache mit der Polizeidirektion Nordhausen in einen idiotisch tödlichen Aktionismus. Die Polizisten fuhren in einem Fahrzeugkonvoi zum Hotel zurück. Sie waren dabei so "unauffällig", dass ein Anwohner aufgrund des Blaulichts und des Trubels an einen Verkehrsunfall dachte. Die "deutsche Killermaschine" hätte in Zimmer 11 höchstwahrscheinlich schon in Ruhe seine gegebenenfalls vorhandene Waffe entsichert. Mit Sicherheit hätte dies ein zu allem bereiter Gewaltverbrecher aber spätestens in dem Moment getan, als einer der Polizisten um 23.15 Uhr an seine Tür klopfte und laut sagte: "Aufmachen, Polizei!"
Dem Wirt war das alles unangenehm. Er sagte ruhiger: "Herr Petri (der Wirt verwechselte in der Aufregung den Namen), kommen Sie mal raus." Vor der Tür standen Peter Z. und Jörg K. mit gezogenen und entsicherten Dienstwaffen. Der "Wirt zieht sich in sein Büro zurück, sobald er nach einem verschlafenen "Ja" den Schlüssel im Schloss hörte. Das, was Friedhelm Beate nach dem Öffnen der Tür sah, waren zwei Männer in zivil mit gezogenen Waffen. Er dachte offenbar an einen Überfall, rief: "Ihr Schweine" und drückte wahrscheinlich die Tür wieder zu. Es fielen zwei Schüsse: Der erste wurde von Peter Z. durch den kurzzeitig geöffneten Türspalt abgegeben und der zweite von Jörg K. durch die Tür abgegeben. Danach fühlten sich die Schützen mit der Situation offensichtlich überfordert und verließen erneut das Hotel. Es wurde beobachtet, wie ein Zivilpolizist vor dem Hotel herzzerreißend heulte. Dazu der Kommentar von Thomas Wüppesahl, dem Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizisten: "Vor der Tat Übereifer, unüberlegtes Handeln und notfalls eben auch Zur-Strecke-Bringen. Und nach der Tat Schiß. Angst ohne Ende. Vorder den Helden spielen wollen. Und nachdem die Schüsse gefallen sind, nicht mal in der Lage zu sein, abzuklären, ob die Zielperson "ob nun Zurwehme oder nicht" Hilfe braucht" .Um 23:25 Uhr meldet Peter Z. den Schusswaffengebrauch der Polizeidirektion u.a. mit dem Hinweis: "Zielperson sei im Zimmer verschanzt." Das nun doch hinzugezogene SEK fand um 2 Uhr den erschossenen Friedhelm Beate in einer großen Blutlache hinter der Tür. Die erste Kugel hatte der Wanderer mitten ins Herz getroffen. Die beiden Polizisten wurden in dieser Nacht intensiv betreut, um "sie vor unbedachten Aussagen zu bewahren" (Bericht des Thüringischen Innenausschusses). Die Spurensicherung war nach wenigen Stunden abgeschlossen. Die Arbeit der Kripobeamten und der Staatsanwaltschaft erschien dem Hotelwirt "kopflos". Ihm und seiner Tochter wäre in den nächsten Tagen telefonisch damit gedroht worden, sie würden ermordet, wenn er eine Aussage machen würde. Seit diesem Polizeieinsatz ist die Zahl der Übernachtungen im Hotel "Zur Erholung" zurückgegangen, und inzwischen hat der Wirt des Hotels den Betrieb aufgegeben.Gegen Peter Z. wurde zunächst wegen fahrlässiger Tötung und gegen Jörg K. wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Nach Angaben der zu ständigen Staatsanwaltschaft in Erfurt hätten beide Beamte erklärt, dass sie "unbeabsichtigt, gleichermaßen als Reflex" geschossen hatten. Die Staatsanwaltschaft scheute offensichtlich keine Mühen und Kosten, um diese Aussagen zu untermauern. Ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten, von einem "für das SEK tätigen Unfallforschers und Sachverständigen für Sensomotorik an der Universität Bremen" kommt u.a. zu folgendem Ergebnis: Bei fehlender Übung und Stress kann "ein risikoträchtiges Verhaltensgemenge entstehen, und die Beamten könnten die Fähigkeit verloren haben, ihre Fingerbewegung zu kontrollieren." Am 14.12.1999 stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren ein. Die Angehörigen von Friedhelm Beate erreichten im Herbst 2000 eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens, auch gegen die Einsatzzentrale.Das Thüringische Innenministerium kam in seinem Bericht zu den Ereignissen in Heldrungen u. a. zu dem Schluss, dass das teilweise unkoordinierte Vorgehen nach dem Schusswaffengebrauch darauf zurückzuführen sei, dass eine entsprechende Dienstanweisung für einen solchen Fall nicht existierte. Die Schaffung einer Dienstanweisung, die vorschreibt, wie nach einem polizeilichen Schusswaffengebrauch die polizeilichen Ermittlungen zu führen seien, wurde im Bericht als dringend geboten angesehen. Seit der Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen sie verrichten die Beamten Peter Z. und Jörg K., die in Stresssituationen ihre Finger nicht kontrollieren können, wieder ihren Dienst bei der Thüringer Polizei.

 

Ankunft

Wir erreichen den Ortsrand von Nordhausen und treffen uns dort im Landgasthof "Zur goldenen Aue" mit Sindy, Gilbert und Marco. Sindy ist die letzte Freundin von René, die sich mit dem Brief an den Wahrschauer gewandt hat. Gilbert ist der Bruder des Erschossenen und Marco ist Renés Freund, der mit ihm an dem Abend, an dem er erschossen wurde, zusammen war. Wir setzen uns an einen Tisch in dem traditionell eingerichteten Gastraum, und ich freue mich eine kurze Zeit über die Ruhe, die für die akustische Aufzeichnung eines Interviews perfekt gewesen wäre. Dann wird ein Band mit Weihnachtsmusik in die Stereoanlage eingelegt.


 
  Next