Der zweite Erschossene: René Bastubbe

René Bastubbe wurde am 20.06.1972. Er ging in Nordhausen bis zur 8. Klasse zur Schule, die er aufgrund mehrerer Umzüge häufiger wechseln musste. Danach machte er, noch zu Zeit der DDR, eine Ausbildung zum Schlosser.
Sein Bruder Gilbert sagt über ihn: "Er war jemand, der nie klein begegeben oder zu einer Sache nichts gesagt hat. Aber er war auch kein Schwätzer, der sich künstlich in den Vordergrund spielen wollte." Kurz nach der Wende, - René selbst war Fan der Böhsen Onkelz - hing er unter anderem mit ein paar Leuten rum, die der rechten Szene zugeordnet werden konnten. Im November 1991 wurde René und zwei anderen (einer davon war für seine rechtsextreme Gesinnung bekannt), vorgeworfen, brutal auf zwei Leute eingeschlagen zu haben. Er wanderte sofort in U-Haft. Gilbert berichtet mir heute, dass die Sache damals in Nordhausen publik war und es so hingestellt wurde, als hätte die Tat einen politischen Hintergrund, was seiner Meinung nach aber nicht der Fall war. René, der damals 19 Jahre war, wurde wegen schwerer Körperverletzung verurteilt und musste zwei Jahre im Knast bleiben. Mehrere Jahre später erzählte er seinem Bruder, dem er sehr nahe stand, dass er, wenn das möglich wäre, den Fall noch einmal aufrollen lassen würde, denn er sei damals erst dazugekommen, als alles schon vorbei war. Während seiner Haftzeit hat René viel gelesen. In einer Musikzeitschrift fand er die Fanpost-Adresse der Frankfurter Band HASSMÜTZ . Sie ähnelten musikalisch den Böhsen Onkelz und waren mit ihnen auch befreundet. Es entwickelte sich ein reger Briefwechsel, in dessen Verlauf René auch einmal dierekt von den ONKELZ Post bekam. Nachdem er im Dezember 1993 frühzeitig aus dem Knast entlassen worden war, meint Gilbert, war René nicht mehr der Gleiche. Die zwei Jahre Gefängnis hatten ihn geprägt, sie hatten ihn nachdenklicher und ruhiger gemacht. Er nahm viele Dinge nicht mehr als selbstverständlich hin und schien auf der Suche nach Dingen zu sein, für die es sich im Leben lohnte, sich einzusetzen. Mit den beiden anderen, die an der Tat beteiligt waren, hatte er nichts mehr zu tun. Er wechselte seinen Freundeskreis. Die im Knast geknüpften Kontakte zu der Frankfurter Band HASSMÜTZ wurden dagegen durch persönliche Besuche in Frankfurt vertieft, bei denen einer von Renés Lieblingsmottos "heftig Abfeiern", gnadenlos in die Realität umgesetzt wurde. Es scheint als wäre René für seine Freunde Motor gewesen, weil er sie mit seiner unbändigen Lebensfreude und rebellischen Art mitreißen konnte. Durch die Bekanntschaft in der Musikerszene sprang auch der eine oder andere Backstagepass für ihn heraus. Dadurch konnten sich nicht immer alle Stars vor Renés offener und direkter Art in Sicherheit bringen. So schaffte er es sogar, Mr. Medienscheu Glenn Danzig für einen Schnappschuss vor die Kamera zu ziehen (was selbst dem Wahrschauer bein Danzigs Konzert im Dezember 2002 im Columbia Fritz in Berlin nicht gelang ). Andere, wie Angry von der australischen Band Rose Tattoo, wurden sogar zum gemeinsamen Abfeiern gezwungen. Von Angry übernahmen die beiden Brüder Gilbert und René, die oft zusammen abhingen, auch das Motto "Stay young, grow strong!", das sie sich von nun an auf ihre Fahnen schrieben. In kriminelle Sachen im eigentlichen Sinn war René seit seinem Gefängnisaufenthalt nicht mehr vewickelt. Allerdings kam es in der Hitze des Abfeierns um beim Blödsinnmachen zu einigen kleinen Gesetzesübertretungen, wie z.B. dem Sprühen von Grafitti - eben "Kinkerlitzchen", so Bruder Gilbert. Das führte natürlich trotzdem dazu, dass René, auch aufgrund der damals im öffentlichen lokalen Bewusstsein stark registrierten Körperverletzung, bei der Polizei in der Kleinstadt Nordhausen kein Unbekannter war.
Ende der 90er Jahre kam es zu zwei wichtigen Ereignissen in seinem Leben. Im Jahr 1998 wurde René Vater. Seine damalige Lebensgefährtin brachte den kleinen Jason zu Welt. Gilbert heute: "Seit er vor vier Jahren Vater geworden ist, hatte sich sein Leben völlig verändert. Er wusste, dass er Verantwortung tragen musste, und er hatte den kleinen Jason so sehr geliebt." Im nächsten Jahr erhielt René, kurz bevor er das Alter erreichte, in dem die Bundeswehr ihn nicht mehr eingezogen hätte, den Einberufungsbescheid. Gilbert: "Er hat von vornherein gesagt: Ich nehme keine Waffe in die Hand und ich möchte dort auch nicht irgendwo an der Waffe dienen. Der Zivildienstantrag kam aber ein bisschen spät von ihm, sodass er erstmal eingezogen wurde. Er war dann ein oder zwei Monate hier in der Nähe stationiert. Ein guter Bekannter, der Pfarrer, der auch die Rede auf der Beerdigung gehalten hat, hat sich für ihn eingesetzt. Er ist in die Kaserne gefahren, und zusammen haben sie denen plausibel gemacht, dass er den Wehrdienst nicht machen kann. Er konnte dann seinen Zivildienst im Lager Dora machen. (Einige Kilometer nördlich von Nordhausen liegt die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Mittelbau Dora). Es galt als eines der größten unterirdischen Rüstungsprojekte des Zweiten Weltkriegs. In 46 Kammern auf gut 120.000 Quadratmetern wurden hier, nach der Bombardierung der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde, ab Dezember 1943 wurden zu diesem Zweck permanent Häftlinge aus dem KZ Buchenwald in das Außenlager nach Mittelbau Dora verlegt. Im Oktober wurde MIttelbau Dora zu einem eigenständigen KZ-Komplex. Mindestens 20.000 Häftlinge sind durch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen dort zu Grunde gerichtet worden. Das war jeder Dritte der zwischen 1943 und 1945 dort internierten 60.000 Gefangenen. - Das Hauptprodukt der Mittelbau-Lager waren nicht die noch heute mystifizierten V-Waffen, sonder vor allem eines: der Tod - Das Leiden der KZ-Insassen konnte der einheimischen Bevölkerung kaum verborgen bleiben, denn täglich schleppten sich Kolonnen erschöpfter und geschundener Häftlinge durch die umliegenden Ortschaften. Trotzdem haben viele Einheimische die SS und die Polizei bei der Jagd auf flüchtige Häftlinge unterstützt, sie als zivile Beschäftigte in den Bau- und Rüstungsbetrieben selbst misshandelt oder in ihrer Mehrheit einfach weggeschaut.René hatte vor einiger Zeit angefangen, sich mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte näher zu beschäftigen. Er hatte sich diesen Zivildienstplatz persönlich ausgesucht. Gilbert: "Er hat dort Führungen geleitet, war sehr engagiert und hat den Leuten alles erklärt. Es hat ihm sehr großen Spaß gemacht. Er hat sich ständig damit beschäftigt und belesen.René hat dort den ehemaligen KZ-Häftling Willi Frohwein kennen gelernt, der auf seiner Beerdigung ebenfalls seine Rede gehalten hat. Er hat René für sich persönlich als aufrichtigen jungen Menschen beschrieben, der immer nachgefragt und nichts dem Zufall überlassen hat. Das ist jemand, der in Potsdam wohnt. Er war selbst Überlebender von Auschwitz und Lager Dora. Mit ihm hat René in sehr regem Briefkontakt gestanden und war eng mit ihm befreundet. Immer wenn er hier war und das Lager besucht hat, haben sie vorher telefoniert und sich dann getroffen, um sich zu unterhalten. Ich selber kennen ihn persönlich auch gut. Das ist ja auch ein Faß ohne Boden, über das du dann reden kannst, wenn dir so jemand gegenübersitzt."Von seinem persönlichen Engagement während des Zivildienstes zeugt auch die Traueranzeige, die im Namen aller Mitarbeiter der Gedenkstätte Mittelbauc Dora nach seinem Tod veräffentlich wurde:
Wir haben ihn während seiner Zivildienstzeit in der Gedenkstätte von 1999 bis 2000 als aufgeschlossenen, einsatzbereiten und stets fröhlichen jungen Menschen kennen gelernt. Sein gewaltsamer Tod bestürzt uns sehr.

Gilbert meint, dass der Zivildienst im Lager Dora René den "letzten Schliff" gegeben hat, dass er durch diesen in seinen Meinungen und Ansichten bestärkt worden ist. Er soll einmal gesagt haben, dass Nazis die einzigen Menschen sind, die man Bedenkenlos hassen kann. Gilberts Sohn gab er öfter Aufkleber "Gegen Nazis" mit und sagte ihm, er solle sie in der Schule irgendwo hinkleben. René war kein politischer Aktivist, aber er hatte sich im Laufe seines Lebens eine klare und feste Einstellung erarbeitet, die in der Kleinstadt Nordhausen nicht verborgen blieb. Sindy sagt: "Wenn du in einer rechten Kneipe nach René gefragt hast, da gab es schon Ärger." "Wenn er solchen Leuten begegnet ist, da war so ein Knistern zu spüren. Es gab da auch die eine oder andere Backpfeife", fügt Gilbert hinzu. Ein Fan von den Onkelz blieb René trotzdem, was einmal mehr zeigt, dass dadurch nicht automatisch auf die politische Gesinnung geschlossen werden sollte. Im Juni 2001 schrieb er einen Songtext der Onkelz, der ihm offenbar etwas bedeutete, aufwendig auf ein Blatt: "(..) Meister der Lügen / Du verkanntes Genie / Merk Dir eins / Ein Plaste (Renés Spitzname) fügt sich nie / Du hast Dich überschätzt / Dich und Deine Macht / Jetzt bin es ich / Ich der über Dich lacht (..)"
Und tatsächlich schien es in diesem Jahr in seinem Leben weiter aufwärts zu gehen. Er lernte Sindy kennen und fing im August 2001 mit einer Umschulung zum Zimmermann an. Trotzdem gibt es manchmal Dinge, die können Zufall sein, aber im Nachhinein erscheinen sie wie eine unbewusste und dunkle Vorahnung auf das was kommt. Sindy: "Wir sind damals Samstagnacht vom Punk-Open-Air gekommen und noch lange auf dem Nordhäuser Hauptfriedhof spazieren gegangen, um uns die schönsten Grabsteine bei Mondschein anzusehen." Danach malter er zur Erinnerung an diese Nacht am 28.07.2001 in den Kalender von Sindy einen Grabstein, auf dem er ein Auge mit einer Träne einzeichnete. Daneben setzte er in einer gemalten Graffitischrift das Wort Leiden.

Auf den Tag genau ein Jahr später kam es zu dem tödlichen Schuss.

 
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