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Die
Zeugen Andrea und Mario F.
Direkt gegenüber
des Tatorts, auf der anderen Seite der Hauptverkehrsstrasse, wohnt die
Familie F. im 4. Stock. Von ihrem
Küchenfenster kann sie direkt auf den Platz vor dem Metropolitan
sehen.
" Ich ging ins Bett und war schon leicht eingeschlafen. Auf einmal
hörte ich von draussen eine Frauenstimme, die -Hör auf, hör
auf- rief. Dadruch bin ich munter geworden. Die hat richtig laut geschrieen.
Da bin ich durch den Flur zum Küchenfenster gerannt. Mario ist auch
mit aufgestanden. Ein paar Sekunden, bevor ich am Fenster war, hat es
geknallt. In dem Moment, als ich aus dem Fenster gesehen habe, stand der
Polizist mit der Knarre in der Hand und hielt sie in Richtung Kopf und
hat mit dem Fuß dran gewackelt", erzählt Andrea F.
Die beiden blieben stundenlang am Küchenfenster und beobachteten
die Szene. Mario F.: "An der Stelle, wo sich René gebückt
hat und erschossen worden ist, da lagen keine Steine." Es bleibt
also die Frage, was die Spurensicherung dazu ergeben hat. Sollte sich
bestätigen, dass in unmittelbarer Nähe der Leiche keine Steine
zu finden waren, wie konnte dann der Polizist davon
ausgehen, dass duch weitere Steinwürfe sein Leben in Gefahr war?
Die Szene war jedenfalls durch die Laterne in unnmittelbarer Nähe
gut beleuchtet. Doch die Aussagen von Andrea und Mario F. sind auch noch
aus einem anderen Grund brisant, denn sie wollen beobachtet haben, dass
von den anwesenden Polizisten bis zum Eintreffen des Krankenwagens (je
nach subjektiver Zeiteinschätzung zweier Zeugen 7 bzw. 20 Minuten
später), niemand die Schwere der Verletzungen untersuchte oder gar
Erste Hilfe leistete. Die Angaben zum Eintritt des Todes waren in der
Presse unterschiedlich und reichten von "verblutete innerhalb weniger
Minute" [Bild, 29.07.02] bis zu "soll sofort tot gewesen sein".
[TA, 27.09.02]
Am gleichen Tag, an dem René erschossen wurde, gaben Andrea und
Mario F. einem Kamerateam von RTL ein längeres Interview. Unter dem
Eindruck des Gesehenen gab Mario F. die Interpretation von sich, dass
dies keine Notwehrsituation war. RTL sendete aus diesem Interview nur
diese Aussage und nicht, wie er ebenfalls aussagte, das er erst nach dem
Schuss zum
Fenster kam. Unmittelbar nach Ausstrahlung der Sendung, am nächsten
Abend, wurde er von der Polizei verhört. In dieser Vernehmung stellte
die Polizie fest, dass Mario den Schuss selbst nicht gesehen hatte.
Daraufhin wurden ihm, wie er uns berichtete, rechtliche Schritte angedroht.
Offensichtlich scheint daraufhin tatsächlich ein Er- mittlungsverfahren,
vermutlich wegen Verleumdung, gegen ihn eingeleitet worden zu sein, denn
Mario F. hat inzwischen einen Brief von der Staatsanwaltschaft erhalten,
dem zufolge ein Antrag vorliege, eine vorher gegen ihn verhängte
Bewährungsstrafe in eine Haftstrafe umzuwandeln. An diesem Schreiben,
das der Wahrschauer einsehen konnte, ist auffällig, dass es keine
Begründung für den Antrag auf Aufhebung der Bewährung enthält.
Dies ist deshalb unüblich, weil der Sinn eines solchen Schreibens
darin besteht, dem Betroffenen die Gelegenheit zu geben, zu dem geäußerten
Vorwurf Stellung zu nehmen. Dazu wurde Mario F. auch im Schreiben aufgefordert,
doch wie sollte er das machen, wenn ihm keine Begründung für
den Antrag der Staatsanwaltschaft mitgeteilt wurde?
Die Polizei
und die Hinterbliebenen
Gilber: "Als
wir an diesem Sonntag in der Wohnung meiner Mutter waren, fuhr ein Bullenwagen
vor. Da ist mir die Fresse eingeschlafen und ich habe mir gedacht: Das
kann jetzt nicht wahr sein! Ein Polizeipsychologe und ein anderer Polizist
kamen in die Wohnung. Sie haben sich hingesetzt und erzählt, dass
in der Nacht zu der Uhrzeit das und das passiert ist.
Ihr Sohn hätte halt massiven Widerstand geleistet und Steine geworfen.
Der Polizist hätte geschossen und die wollten unserer Mutter nun
erzählen, dass René selber Schuld gehabt hätte. Das war
natürlich ein rotes Tuch. Meine Mutter hat nur gefragt: "Hat
mein Sohn eine Waffe gehabt?" Sie haben das verneint. Sie hat gesagt:
"Mehr will ich nicht wissen. Raus hier!"
An der Beerdigung von René, bereits fünf Tage nach seiner
Erschießung, nahmen viele hundert Menschen teil, u. a. auch die
Nordhäuser Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD), die dafür
im Nachhinein von Politikern, insbesondere von der FDP, öffentlich
massiv angegriffen wurde. [TA, 16.08.2002]
" Es war bei der Beerdigung so, dass da Bullen eingeschleust worden
sind, die dann auch mit im Saal saßen", sagt Gilbert, und Sindy
fügt hinzu: "Am Tag der Beerdigung erschien die Polizei im Großaufgebot
mit kugelsicheren Westen." "Bei der Beerdigung selbst kreiste
ein Polizeihubschrauber über uns. In der Zeit, als wir meinen Bruder
unter die Erde bringen mussten, sind zwei Kripobeamte bei seiner Lebensgefährtin,
mit der er auch das Kind hat, gewesen. Die sind dort zwei bis drei mal
persönlich aufgekreuzt und haben ständig angerufen. Sie hat
gesagt: "Was wollt ihr denn eigentlich von mir? Ich kann doch zum
Tathergang gar keine Aussage machen. "Sie haben versucht, sie total
einzuschüchtern. Als sie gemerkt haben, dass es nichts bringt, haben
sie ganz schnell aufgegeben", meint Gilbert und vermutet, dass sie
von der ehemaligen Lebensgefährtin und Mutter von Renés Kind
noch etwas Negatives über René in Erfahrung bringen wollten.
Bereits an dem Tag, an dem er erschossen wurde, informierten die Behörden
die Presse ausführlich darüber, aus welchen Gründen er
in der Vergangenheit bereits bei der Polizei auffällig geworden war.
Gilbert: " Man hat ganz gezielt dort versucht, alles Negative zu
erhaschen. Nach dem Motto: Er ist vorbestraft gewesen wegen Diebstahl,
wegen Graffiti. Alles nur so Kinkerlitzchen. Irgendwie schienen manche
zu glauben, das damit rechtfertigen zu können."
Doch Gilbert, Sindy und zwei Freunde hatten noch eine andere Begegnung
der dritten Art mit der Polizei aus Nordhausen. "An diesem Abend
war es genau einen Monat später, nachdem René erschossen worden
war. Wir haben deshalb vor dieser Gaststätte im Biergarten gesessen,
wo es passiert war. Wir blieben dort bis in die frühen Morgenstunden
zwischen zwei und viertel drei. Wir sind dann spontan auf die Idee gekommen,
nochmal zum Friedhof zu fahren", erzählt Gilbert. Zweihundert
Meter vor dem Friedhof seien sie von der Polizei gestoppt worden. "Mir
kam es nicht vor wie eine normal Verkehrskontrolle. Es war von Anfang
an ein barscher Ton, mit Umgangsformen, wie sie eigentlich nicht üblich
sind. Ich saß hinten drin. Ich wurde als einziger aufgefordert,
den VW-Bus zu verlassen", sagt Gilbert und erzählt, dass sie
seinen Personalausweis sehen wollten. Weil er diesen nicht dabei hatte,
gab er seinen Namen und Meldeadresse an. Nach Gilberts Angaben wurde er
als einziger von den Vieren in dieser Nacht vorläufig festgenommen
und anschließend mit Handschellen in den Polizeiwagen gesetzt. "Dann
ging sofort die Fahrt los. Mir wurde nochmal gesagt, dass ich vorläufig
festgenommen bin. Ich habe dann sofort gefragt, warum, wiso, weshalb und
was jetzt passieren würde. Ich habe das an dem Abend noch ungefähr
fünfzig mal gefragt. Ich habe auf nichts,
was ich gefragt habe, eine Antwort bekommen", sagt Gilbert und fährt
fort: "Von dem einen wurde ich im Polizeiauto während der Fahrt
zu meiner Wohnung mit entsprechendem Unterton gefragt: "Na, wie fühlst
du dich denn so ohne deinen Bruder?". Es ging die ganze Zeit so:
Das wir in Nordhausen nichts mehr zu suchen hätten, und um den einen
hätten sie sich schon gekümmert und um den anderen würden
sie sich auch noch kümmern und jetzt hätten sie mich ja auch
erwischt. Ob ich denn die neuen Zellen schon gesehen hätte, die sie
da unten haben. Die würde ich nachher ja noch sehen. "Wirst
dich bestimmt wohl fühlen da drinnen, wird dir bestimmt gefallen."
Von dem kam das auch, dass ich einen anderen Nachnamen hätte als
mein Bruder. Ich heiße mit Nachnamen Barnekow, hatte den von ein
paar Jahren wieder eintragen lassen. Er sagte jedenfalls zu mir: "Wieso
heißt Du denn jetzt Barnekow? Der Name Bastubbe hat dir wohl nicht
mehr gefallen?" "Dazu habe ich nichts gesagt. Ich konnte meine
Gedanken überhaupt nicht mehr ordnen."
Nach Gilberts Angaben fuhren die beiden Beamten mit ihm direkt zu seiner
Wohnung und forderten ihn vor der Wohnungstür auf, seinen Hausschlüssel
herauszuholen. In diesem Moment, meint Gilbert, stellte er fest, dass
er ihn im Auto des Bekannten liegen gelassen hatte. Gilbert: "Das
habe ich dann auch gesagt". "Komm hol den Schlüssel raus,
wo hast du ihn versteckt?", "wurde ich angeschnauzt. Auf diese
ekelige Art ging es die ganze Zeit." Gilbert berichtet weiter, dass
der eine Polizist runter ging und um kurz vor drei an der Tür seines
Nachbars klingelte. "Ich saß während dieser Zeit mit den
Handschellen auf dem Rücken auf der Treppe. Der andere Typ stand
in Augenhöhe vor mir. Warum bei dem anderen Mieter geklingelt wurde
und was die dort wollten konnte
ich nicht nachvollziehen. Ich habe zu dem vor mir noch mal eindringlich
gesagt, dass sie mir sagen sollen, wer sie sind und warum das Ganze hier
abgeht. Die Antwort war die Frage, ob ich seinen Kollegen nicht verstehen
würde und ob der spanisch redet. Sie bräuchten mir gar nichts
zu sagen, da mich das nichts angeht! Daraufhin habe ich dann nochmal gefragt,
und da hat der Kunde mir erstmal eine geklebt, dass heißt, mit der
flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Von diesem Zeitpunkt an habe ich
erstmal beschlossen, gar nichts mehr zu sagen. Ich will es nicht mehr
dramatisieren, als es war, aber ich hatte richtig Angst. Es hätte
ja auch sonst was passieren können. Sie sind dann, weil sie nicht
in meine Wohnung gekommen sind, mit mir wieder runter und ins Polizeirevier
gefahren. Dort habe ich dann, gleich dahinter, wo der Wachhabende sitzt,
eine halbe Stunde gesessen", erinnert sich Gilbert und fügt
hinzu, dass er dann noch in ein Alkoholmessgerät pusten musste und
danach das Polizeirevier gegen vier Uhr morgens wieder verlassen durfte.
Einen Tag später, am 30.08.02, erschien im Lokalteil der Bildzeitung
ein Artikel mit der Überschrift: "Ein Monat nach dem Todesschuss:
Jetzt wurde der Bruder verhaftet." Im Artikel stand: "(..) Alles
wie gehabt: Mit einem Betonstück zertrümmern Ganoven das Schaufenster
vom Mini-Mal-Markt-Ost. Sie wollten Zigaretten stehlen. (..) Jetzt hat
auch sein Bruder geklaut." Aus diesem Artikel erfuhr Gilbert erstmals
von diesem Vorwurf gegen ihn. Die andere Lokalpresse, wie die Thüringer
Allgemeine, die sonst jeden Fahrraddiebstahl aus dem Polizeibericht veröffentlicht,
brachte Gilbert mit dieser Sache bis heute in keiner einzigen Zeile in
Zusammenhang. Der Grund dafür wird sein, dass der Bild-Zeitungsartikel
für seine verleumderische Tatsachenbehauptung keine Quelle angab.
Es sieht so aus, als wenn die Quelle in der Polizeidirektion Nordhausen
saß und ihren guten Kontakt zuu einem Journalisten bei der Lokalredaktion
der Bild-Zeitung für eine inoffizielle Pressearbeit nutzte, um Gilbert
gezielt zu diffamieren.
" Die Polizei hat behauptet, dass von ihnen niemand die Bild-Zeitung
informiert hätte. Ich habe danach sofort mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde
und Strafanzeige reagiert. Ich habe alle Sachen, mit denen ich mich wehren
kann, getan. Es ist bis zum heutigen Tag so, dass wir definitiv mit diesem
Einbruch nichts zu tun haben. Wir sind lediglich dreihundert Meter von
diesem Ort entfernt vorbeigefahren", sagt Gilbert und Sindy merkt
an: "Sie haben uns in dieser Nacht nicht angehalten, weil sie uns
verdächtigt haben. Das kam alles im Nachhinen." Niemand von
ihnen sei in dieser Nacht zu diesem Vorwurf vernommen worden, wundern
sich Sindy und Gilbert. Alle vier erhielten Gilberts Angaben zufolge danach
eine offizielle Mitteilung, dass gegen sie wegen besonders schweren Diebstahls
ermittelt würde, und sie wurden zu einer Vernehmung in die Polizeidirektion
geladen. Gilbert fügt hinzu: "Durch einen staatsanwaltlichen
Beschluss wurde von uns allen ein DNA-Speicheltest erzwungen. Anschließend
wurde bei allen von uns eine Hausdruchsuchung vorgenommen "ohne Ergebnis".
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