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Samstagnacht im Sommer vom 27. auf den 28.7.2002

"Ja, wie soll ich am Besten anfangen", sagt Marco. "Wir haben uns gut gefühlt und Späße gemacht. Wir haben uns bei einem Kumpel getroffen, der seinen Geburtstag nachgefeiert hat. Dem hat René noch ein Geschenk vorbeigebracht. Wir sind dann alle geschlossen ins Clubhaus, ein bisschen gelabert und gefeiert." Es gab Pläne zu machen, denn René hatte vor einer Weile angefangen, Gitarre zu spielen. Er wollte mit Marco eine Band gründen, in der René auch den Gesang übernehmen wollte. "Wir sind direkt, nachdem im Clubhaus Schluss war, in Richtung Kino gegangen. Wir haben Späße gemacht und rumgelabert. Wir hatten natürlich keine Zigaretten mehr gehabt. Wie es so ist an so einem Abend, man möchte natürlich eine rauchen. Ich habe zwei Euro und René einen beigesteuert. René hat das Geld dann eingeworfen. Ich muss sagen, dass der öfter mal defekt war", sagt Marco und fügt hinzu, dass auch an diesem Abend keine Kippen herauskamen.
Der Zigarettenautomat befindet sich im Stadtzentrum von Nordhausen, am Eingang zum Metropolitan, einem American Diner Restaurant mit Brasserie (Biergarten). Die Fassade des Metropolitan war damals eingerüstet. Die Bierbude auf der Terrasse stand, nach Angaben von Marco, etwas näher am Metropolitan.
Beide fingen an, gegen den Automaten zu schlagen, aber, so Marco, "die Zigaretten kamen nicht heraus." Direkt neben dem Automaten lag ein Stapel mit grauen Gehwegplatten, mit denen der Bürgersteig hin zur Hauptverkehrsstraße gepflastert werden sollte. Dort war damal noch ein Baugraben. Die beiden warem am "Abfeiern", hatten entsprechen dem fortgeschrittenen Abend schon gut einen in der Krone(8) und in diesem Moment kein Verständnis für den streikenden Automaten. Schon gar nicht deshalb, weil sie für die Packung Kippen ihre letzten Euro zusammengekratzt hatten.
" Auf jeden Fall haben wir gedacht, das darf doch nicht sein, dass da jetzt keine Zigaretten rauskommen. Dann haben wir dagegen getreten und so. Da lag ein Stapel Steine, wie man es halt so macht und ich kenne irgendwelche Schlipsträger, die vor den Zigarettenautomaten pissen, wenn keine Zigaretten rauskommen. Ich habe einen Stein genommen und dagegen geworfen. Das war direkt in der Innenstadt, und es ist sehr laut gewesen. Es gingen dann im Wohnblock irgendwo Lichter an. René hat auch einen Stein genommen und dagegen geworfen", meint Marco.
Die Außensicht, zumindest eines Anwohners, war offensichtlich in diesem Moment eine andere. "Kurz nach 4.30 Uhr ging bei der Nordhäuser Polizei ein Notruf ein. Mehrere Männer seinen gerade dabei einen
Zigarettenautomaten am Kino aufzubrechen. Der Einsatzleiter der Polizei beorderte einen Streifenwagen zum Tatort", schrieb die Internetzeitung Neue Nordhäuser Zeitung (NNZ) um 11.17 Uhr am selben Tag.
René und Marco machten sich ungefähr zur gleichen Zeit darüber Gedanken, dass ihr Radau am Automaten bei anderen Leuten nicht nur auf Verständnis stoßen könnte, denn, so Marco: "Es ging dann auf der anderen Straßenseite einer lang und da sind wir abgehauen. Wir sind nach hinten und über eine Treppe auf ein Dach gestiegen. Dort haben wir uns kurz versteckt. Das war nur ein paar Sekunden lang. Dann ging auch dort irgendwo das Licht an und deshalb sind wir dort über die Treppe wieder runter, haben ein bisschen rumgelacht und und wollten wieder zum Zigarettenautomaten. Wir haben uns ja noch darüber einen Spass gemacht. Es war laut gewesen. Gut, wir hatten zwar keine Kippen bekommen, aber die mussten wir uns halt noch irgendwie organisieren. In dem Moment, als wir gerade hinter einer Hütte [Anm.: der Bierbude] standen, da stand auf
einmal eine Frau vor mir. Keiner hat sich vorgestellt. Nicht hier "halt Polizeit" oder sonst irgendwas und ehe Marco wusste, was los war, sei er von der Polizistin mit Handschellen an ein unmittelbar neben ihm verlaufendes Metallgeländer gekettet worden, das, von der Hauptstrasse aus gesehen, hinter der Bude verläuft. "Ich habe die Polizei erst wahrgenommen, als ich schon die Handschellen dran hatte. Ich habe vorher keinen Streifenwagen oder irgendwas mit Blaulicht wahrgenommen", betont Marco noch einmal den überraschenden Zugriff. Trotzdem hätte die Beamtin herum geschrien und "Stress gemacht". Er versuchte mit ihr darüber zu diskutieren, warum sie ihn festgekettet hatte - ohne Erfolg. "Mir kam die Polizei nicht nervös oder mit Angst vor. Sie sind aggressiv rangegangen. Es gab von Anfang an ein Feuerwerk, wie auf Angriff geschaltet. Ich weiss ja nicht, wie die ausgebildet werden. Sie hat die ganze Zeit rumgeschrien, auch nachdem ich schon angekettet war", meint Marco und ergänzt: "René wäre mit der Polizei mitgekommen. Wir hätten am nächsten Tag ein Bier getrunken und einen Spaß draus gemacht. Wir hatten nichts gemacht. Wir haben nur Nachts Lärm gemacht und die hätten uns noch nicht einmal einsperren können."

 

Der Zigarettenautomat

Dass die beiden durch ihre Aktion am Automaten keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten hatten, kann inzwischen als sicher gelten. Weder bei René noch bei Marco wurde Einbruchswerkzeug sichergestellt. Der Automat wurde "akribisch untersucht" und wies "keine Spuren von Einbruchswerkzeugen" [Thüringer Allgemeine (TA), 27.09.2002] auf.
Stattdessen wurden außen Beschädigungen entdeckt, die offensichtlich von den an den Automaten geworfenen Steinen stammten, so wie es Marco geschildert hatte. Die Beschädigungen schienen allerdings so gering gewesen zu sein, dass sie die Funktion des Automaten nicht beeinträchtigten und die Aufstellerfirma keine Strafanzeige stellte. Die Polizei bestätigte Marco bei der Vernehmung, dass er keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten hatte, da aufgrund von "Nichtigkeit" kein Verfahren gegen ihn eingeleitet werden würde. Auch die vorübergehende Funktionsstörung des Automaten wurde durch Informationen, welche die lokale Presse recherchierte, bestätigt: "Beim Öffnen sollen Münzen im Automat verklemmt gewesen sein." [TA, 03.08.2002]

 

Die Besichtigung des Tatorts

Nach dem Interview fahren wir mit den dreien zu dem Ort vor dem Metropolitan. Die Bauarbeiten an dem Gehweg hinter der Terasse des Restaurants sind noch nicht abgeschlossen. die Stadt putzt sich heraus für die Bundesgartenschau im Jahr 2004. Gegenüber auf der anderen Seite der Hauptverkehrsstrasse liegt ein Wohnkomplex, der zur DDR-Zeit errichtet wurde. Von den dortigen Fenstern hat man einen uneingeschränkten Blick auf die Terasse vor dem Metropolitan. Kurze Zeit nach unserem Eintreffen beobachtet uns aus dem obersten Stockwerk neugierig ein Mann, der aber sofort wieder verschwindet, als wir ihn fotografieren wollen.
Es ist bitter kalt und die Sonne schon lange untergegangen. Die Terasse vor dem Restaurant ist durch das Licht der nahegelegenen Strassenlaterne gut beleuchtet. Die Fläche hinter der Bierbude dagegen mehr im Dunkeln. Am frühen Morgen des 28.07.2002 begann gegen 4:20 Uhr die Dämmerung.

 

Die Zeit unmittelbar vor und nach dem tödlichen Schuss aus Marcos Perspective

Wie von Marco berichtet, wurde er von der Polizistin an das Geländer
gekettet. "René ist in dieser Zeit rechts an der Bude vorbei vorgegangen. Nicht gelaufen, sondern gegangen", berichtet Marco. Von der Hauptverkehrsstrasse aus gesehen, lief René also, von hinten kommend, links an der Bierbude vorbei. Deshalb konnte ihn Marco, der rechts von der Bude durch die Handschellen fixiert war, vorübergehend nicht sehen.
Marco: "René ist rumgegangen, und ich habe nur gehört, wie René gesagt hat: "Ey was soll'n das?" Die Polizistin ist hinter mir rumgesprungen und hat ständig geguckt, ob ich auch ja angekettet bin. Die hat richtig Stress gemacht. Sie stand hinter mir. Da habe ich noch gesehen, dass René auf dem Boden hockte. Der Polizist stand mit gezogener Waffe dort und zielte von hinten auf René. Er hat nichts gesagt. Gar nichts, auch nicht: "Halt Polizei, ich schieße!". Ich habe nur René auf dem Boden gesehen und wie der andere, in zwei Metern Entfernung, so wie ich es beschrieben habe, da steht. René hat keinen Aufstand gemacht. Schon gar nicht, wenn man, wie er, jemandem den Rücken zugewandt hat, die eine Hand vor den Kopf hält und sich mit der anderen vom Boden abstützt. Da hat sie wieder rumgestresst," deshalb habe ich wieder weggeguckt. Auf jeden Fall ist dann ein Schuss gefallen. Den Schuss als solchen habe ich nicht gesehen. Das waren Sekunden. Es geschah, ohne das irgendwelche Worte fielen, wie z. B. "ich mache von der Schusswaffe Gebrauch". Ich dachte das wäre ein Warnschuss. Ich habe das in diesem Moment gar nicht realisiert. Die Polizistin ist, nachdem der Schuss gefallen ist, zu ihrem Kollegen und meinte zu ihm: "Das wird schon wieder". Worauf ich das Gefühl bekam, das die was vertuschen wollen. Das hat sich noch verstärkt, als die anderen Polizisten eintrafen und sich der Sache annahmen. Es waren so ungefähr zehn Mann. Da stand eine Zivibulline an der Seite , die etwas aufgeschrieben hat. Ich habe gedacht: Was ist denn hier los, was ist mit René los? Ich konnte das alles nicht mehr so genau sehen, weil da eine Traube Polizisten drum herum stand. Ich dachte, er ist festgenommen worden oder abgeführt worden. Ich habe gar nicht so realisiert, was da überhaupt wirklich passiert ist und nachdem weitere Polizisten eingetroffen waren, hätten diese Marco ständig beschäftigt: Sie ketteten ihn vom Geländer an das Baugerüst und durchsuchten ihm immer wieder. Dann, sagt Marco, sei er ein paar Minuten später abgeführt und in einen Polizeiwagen gebracht worden. Sie fuhren mit ihm zur Blutabnahme ins Krankenhaus und danach in die Polizeidirektion Nordhausen. "Dort musste ich mich ausziehen. Ich habe mich beschwert und gemeint, dass dies Schikane wäre. Dann haben sie mich eingesperrt. Morgens gegen neun haben sie mich raus geholt und in das Vernehmungszimmer gebracht. Der Polizist sagte mir: "Sie sind hier wegen Herrn René Bastubbes Tod." Da bin ich erstmal aus allen Wolken gefallen. Ich wusste überhaupt nicht, was los ist. Danach musste ich gleich meine Aussage machen" erzählt Marco das weitere Geschehen. Nicht alle Polizisten schienen vom Tod Renés sehr betroffen zu sein. Marco: "Da kamen nur dumme Sprüche von den Polizisten, wie z. B. "Rauchen gefährdet die Gesundheit". Das habe ich nicht nur einmal gehört." Nachdem seine Zeugenvernehmung beendet war, durchte Marco gegen 11 Uhr die Polizeidirektion wieder verlassen.

 

Die Versionen der Polizei und Staatsanwaltschaft in ihren öffentlichen Stellungnahmen

Ungefährt zur gleichen Zeit, als die Leiche von René vom Tatort abgeholt wurde ["Gegen 10.30 Uhr wurde die Leiche des 30jährigen Erschossenen von einem Bestattungsunternehmen abgeholt". (Nordhäuser Allgemeine, 29.07.02)], hielt der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Mühlhausen Dirk Germerodt, die nach eigenen Angaben ebenfalls an den Ermittlungen beteiligt war, am Sonntag vormittag eine Pressekonferenz ab. "Nach einer vorläufigen Wertung gehen wir juristisch im Moment davon aus, dass der Beamte sich in einer Notwehrsituation befunden hat (..). [RTL Guten Abend-Sendendung vom 29.07.02], sagte der Staatsanwalt aus Mühlhausen und erklärte vorsoglich: "Wir haben keine Veranlassung irgendetwas zu vertuschen". [Thüringer Allgeimeine (TA), 29.07.02] Die NNZ veröffentlichte am gleichen Vormittag um 11:17 Uhr, knapp sieben Stunden nach dem Schuss, einen Artikel zu den Vorkommnissen und die Pressekonferenz auf ihrer Internetseite. Dort stand: "Der zweite Täter
widersetzte sich seiner Festnahme und warf mit Pflastersteinen nach dem Polizisten." Für diese Tatsachenbeschreibung, die nicht im Konjunktiv formuliert wurde, gab die NNZ keine Quelle an. Der MDR formulierte in einer Internetmeldung am selben Tag, die um 21.01 Uhr ins Netzt gestellt wurde: "Ersten Ermittlungen zufolge bewarfen das Opfer und sein 23-jähriger Komplize die beiden Streifenpolizisten mit Pflastersteinen." Auch in dieser Meldung fehlte eine Angabe, worauf sich diese Annahme der Ermittler stützte. Außerdem enthielt sie zwei Behauptungen, die später von niemandem mehr öffentlich aufgestellt wurden: Erstens, dass Marco ebenfalls Steine geworfen haben sollte, und zweitens, dass auch die Polizistin mit Steinen angegriffen worden sei. Die Thüringer Allgemeine (TA) berichtete am 29.07.02 unter Berufung auf den Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, dass René sich "heftig zur Wehr gesetzt" und den " Polizeiobermeister mit Pflastersteinen beworfen haben" soll. Germerodt begründete in diesem Artikel seine Annahme mit "Zahlreichen Zeugen", die bestätigten, dass er (Anm.: der Polizeischütze) mit den drei Kilogramm schweren Steinen beworfen wurde (..) Das belegen auch mindestens zwei am Tatort gefundene, abgesplitterte Steine. Zudem hatte der Tote Schmutzspuren an den Händen, die den Steinen zugeordnet werden können.
In dem Artikel blieb unklar, welche Steine Herr Germrodt meinte. Meinte er die beiden kleineren Gehwegplatten, von denen René vorher eine gegen den Zigarettenautomaten geworfen hatte? Konnte der Schmutz von Renés Händen diesen Gehwegplatten zugeordnet werden? Wenn ja, dann war damit das Bewerfen des Polizisten mit Pflastersteinen dadurch jedenfalls nicht belegbar. In dem gleichen Artikel der TA wurde ein Pflasterstein abgebildet, von denen René mehrere auf den Polizisten geworfen haben sollte. Er hat die Maße 20x10x8 cm, also die Größe eines Ziegelsteins, und diese wurden bei den Bauarbeiten vor dem Metropolitan u. a. dazu benutzt, die Gehwege zu pflastern. Meinte der Staatsanwalt dagegen diese Steine, dann ist unklar, wie er wenige Stunden nach dem Vorfall die Schmutzspuren an Renés Händen, die von der Gehwegplatte stammten, von den angeblich geworfenen Pflastersteinen so sicher unterscheiden konnte. An genau welcher Stelle des Tatorts hat die Spurensicherung die "mindestens zwei" Steine gefunden?
Doch Staatsanwalt Germerodt musste an diesem Sonntag noch mehr erklären. Nach der ersten Untersuchung der Leiche wurde festgestellt, dass die Kugel René in den unteren Rücken traf. Sie schlug oberhalb des Beckens ein und drang im Körper bis zum Schlüsselbein vor. Dieser lange Schusskanal innerhalb des Körpers in Richtung Kopf ist nur dann möglich, wenn der Oberkörper des Opfers beim Eintriff des Projektils weit nach vorne übergebeugt ist. Trotz des festgestellten Schusses in den Rücken blieb Germerodt bei seiner Meinung. "Nach derzeitigem Ermittlungsstand könne dem Polizeibeamten kein Vorwurf gemacht werden, unterstrich der Staatsanwalt." [Thüringer Allgemeine (TA), 29.07.2002] Damit dies unter Berücksichtigung des ersten Obduktionsberichts nachvollziehbar war, lieferte er den Journalisten folgende Version der Ereignisse: "Der Polizist habe ihm (Anm.: René) mit Pfefferspray [Der Einsatz des Pfeffersprays kann inzwischen als sicher gelten. Zum einen war nach Angaben von Germerodt die Sprayflasche des Polizisten leer, und zum anderen wurden laut einem toxikologisch-chemischen Gutachten Spuren des Pfeffersprays in Renés Augen nachgewiesen (NNZ, 07.11.2002, 13.35 Uhr bzw. TA, 27.09.2002)] ausser Gefecht setzten wollen. Allerdings habe dies nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Der Täter habe sich nach dem nächsten Stein gebückt und auch nicht auf den Ruf "lass das" reagiert. Deshalb habe der Beamte geschossen. Vermutlich wollte er den Täter durch einen Schuss in den Oberschenkel stoppen. Da sich der Nordhäuser jedoch in Bewegung befand - er bückte und drehte sich vermutlich gleichzeitig - traf ihn die Kugel in den Rücken und blieb in der Körper-Vorderseite unter dem Schlüsselbein stecken. Die Obduktion habe ergeben, dass die Kugel eine Hauptschlagader zerrissen hat, so Germerodt. "Ohne diese Vermutung über die Körperbewegung des Opfers im Moment der Schussabgabe wäre die Notwehrthese bei einem Schuss in den Rücken nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Die Staatsanwaltschaft hat eigentlich den Auftrag, die Ermittlungen neutral zu führen. Ist eine solche Äußerung mit diesem Grundsatz noch zu vereinbaren? Es ist zumindest bemerkenswert, dass es Herr Germerodt für erforderlich hielt, wenige Stunden nach einer Tat und am Anfang der Ermittlungen mit Vermutungen an die Öffentlichkeit zu gehen, die den verdächtigen Polizisten, der soeben einen unbewaffneten Menschen getötet hatte, entlasteten. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch keiner der beiden direkt beteiligten Polizeibeamten eine Aussage gemacht (der Schütze machte bis zum Redaktionsschluss von seinem Recht der Aussageverweigerung gebrauch), und Marcos Aussage war für die Bestätigung der staatsanwaltlichen These nicht nur unbrauchbar, sondern widersprach ihn sogar in einigen Punkten. Auf welche Zeugenaussagen stützte sich der Staatsanwalt an diesem Sonntagvormittag?
" Der Polizist, der mich morgens vernommen hat, der war ganz offen gewesen. Der sagte zu mir, dass es ihm auch merkwürdig vorkommt, dass sieben Leute das morgens um die Uhrzeit gesehen haben wollen. Aber der hat auch klipp und klar gesagt, dass der eine Zeuge, welcher die Polizei gerufen hat, sich aus dem Fenster rauslehnen musste, um uns zu sehen.
Der will drei Leute gesehen haben. Wir waren aber nur zu zweit. Und er hat uns wohl ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr gesehen. Wenn dieser Zeuge aus der Entfernung noch nicht mal die Leute zählen konnte, wie soll er dann gesehen haben, dass angeblich irgendjemand Steine geworfen hat?, fragt sich Marco. Welche Zeugen die ermittelnde Staatsanwaltschaft für Renés angebliche Steinwürfe hat und was diese genau gesehen haben, dass wissen bisher nur die Ermittlungsbehörden. Die Öffentlichkeit würde dies höchstwahrscheinlich erst erfahren, wenn es zu einer Gerichtsverhandlung käme. Nach Angaben des Staatsanwaltes solles es "zahlreiche Zeugen" [TA, 29.07.2002] sein. Auch die Polizistin, die ein paar Tage später ihre Aussage machte, will "mindestens" einen Stein gesehen haben, der "haarscharf" am Kopf des Polizisten vorbeiflog. [Bild, 31.07.2002]
Unabhängig von diesen Zeugenaussagen ist jedoch eine Frage naheliegend: Wenn sich René gerade nach einem Stein bücken wollte und in diesem Moment tödlich mit einer -mannstoppenden Patrone- [Mannstoppende Munition vergrößert im Gegensatz zu Vollmantelgeschossen beim Eintreten in den Körper ihren Durchmesser. Dadurch erhöhen sich die Energieabgabe und der Verletzungsbereich im Körper und damit auch die Wahrscheinlichkeit irreversiebler Schädigungen (Vgl.: "Neue Munition für die Polizei", Oesten Baller, in : Bürgerrechte & Polizei/CLIP 65 1/2000).] in den Rücken getroffen wurde, dann müsste zumindest dieser Stein direkt neben ihm gelegen haben und dort liegen geblieben sein oder sich sogar noch in seiner Hand befunden haben. Dies scheint die Spurensicherung jedoch nicht festgestellt zu haben, denn von einem solchen Fund wusste Germerodt offensichtlich nicht zu berichten, sondern lediglich allgemein von "zwei am Tatort gefundene(n), abgesplitterte(n) Steine(n)". [TA 29.07.2002]


 
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