Die
Leserbriefaffäre
Nach den ersten
öffentlichen Stellungnahmen der Polizei und der Staatsanwaltschaft
äußerte sich die Juristin Dr. Sandra Carius in einem Leserbrief
an die NNZ und die TA ihre Meinung zu der Art und Weise der bisher geführten
Ermittlungen: "(..) Bedenkt man aber, dass dem Täter nach Darstellungen
der Presse in den Rücken geschossen wurde, müsste die Strafverfolgungsbehörde
erst recht skeptisch werden. Jeder Jurist lernt in den Vorlesungen im
Fach Rechtsmedizin, dass bei einem Schuss in den Rücken zunächst
schwerlich eine Notwehrsituation vorliegen kann, weil der Täter in
dieser abgewandten Stellung überhauptnicht zum Angriff in der Lage
ist. Unterstellt, es hätte eine Notwehrsituation vorgelegen, so stellt
sich dennoch die Frage, wieso der Polizist keinen Warnschuss abgegeben
oder die Polizei zusätzliche Verstärkung gerufen hat, wenn die
Situation doch angeblich so eskliert war? War der Schuss aus der Dienstwaffe
wirklich ein verhältnismässiges Mittel? (..) Für mich bleiben
mehr Fragen als Antworten und wenig Vertrauen in den Thüringer Rechtsstaat.
Kommt durch das Gewaltmonopol des Staates ein Mensch zu Tode und tauchen
Widersprüche in der Berichterstattung auf, sollte sich jeder Bürger
ein Stück Skepsis gegenüber dem staatlichen Handeln erhalten,
sonst befinden wir uns näher an der Diktatur als an der
Demokratie." [TA, 31.07.02 und NNZ, 29.07.02]
Diese Meinungsäußerung schien dem Polizeidirektionsleiter Günter
Lierhammer nicht hinnehmbar zu sein. Lierhammer stammt aus Bayern, war
Leiter der Polizeiinspektion in Saalfeld und wurde im Jahr 2000 zum Polizeidirektionsleiter
in Nordhausen befördert. Frau Dr. Carius ist im öffentlichen
Dienst der Landesversicherungsanstalt (LVA) beschäftigt. Der Arbeitgeber
von Frau Dr. Carius sagter, dass der Polizeichef von Nordhausen, Herr
Lierhammer, Anfang August bei ihm anrief und im Laufe dieses Gesprächs
u.a. die Frage aufwarf, ob eine Person, mit einer solchen Meinung, wie
sie in diesem Leserbrief vertreten wurde, weiterhin im öffentlichen
Dienst tätig sein solle. Brisant ist hier u.a. die Frage, wie Günter
Lierhammer an die Telefonnummer des Arbeitgebers kam. Frau Dr. Carius
stellte daraufhin eine Petition an den Thüringer Landtag, in der
sie darum bat, den Sachverhalt klären zu lassen und notwendige Dienstrechtliche
Schritte gegen den Polizeidirektionsleiter einzuleiten. In einer Antwort
des Thüringer Parlaments an Dr. Carius vom 20.11.02 hieß es:
"An die Internetzeitung NNZ-Online sei vermutlich ein Anhang angenfügt
gewesen, der als Kontaktadresse die LVA habe erkennen lassen." Dieser
"Anhang" der Email wurde aber weder in der Internetzeitung,
noch in dem abgedruckten Leserbrief in der TA veröffentlicht. In
einer Antwort des Innenministeriums vom 17.10.02 auf Dr. Sandra Carius'
Dienstaufsichtsbeschwerde wurde folgender Erklärungsversuch unternommen:
"Hiervon erhielt die Polizeidirektion Nordhausen im Gespräch
mit Pressevertretern Kenntnis."Der Macher der Online-Zeitung, Peter-Stefan
Greiner, widersprach gegenüber dem Wahrschauer allerdings dieser
Version. Seinen Angaben zufolge enthielt der Absender der Email nur die
private Anschrift von Frau Dr. Carius. Von der Existenz seiner angeblichen
elektronischen Visitenkarte im Anhang der Email wisse er nichts. Er ist
der Meinung, dass diese noch nicht einmal in dem von ihm benutzten Emailprogramm
bei einem Absender angezeigt wird. Stattdessen erinnerte sich Herr Greiner
an einen Anruf des Pressesprechers der Polizeidirektion Nordhausen, nachdem
der Leserbrief veröffentlicht worden war. Dieser hätte sich,
Greiner Angaben zu Folge, bei ihm erkundigt, ob er wisse, was die Abkürzung
LVA bedeutet. Er antwortete, dass die Abkürzung vermutlich für
"Landesverwaltungsamt" steht, da er es auch so in seiner Online-Zeitung
verwendete.
Daraus würden sich zwei Dinge ergeben: Erstens musste Herr Lierhammer
an die Information über den Arbeitgeber von Frau Dr. Carius auf einem
anderen Weg gekommen sein. Zweitens ist offensichtlich der Pressesprecher
der Polizei in dieser Affäre ebenfalls aktiv geworden, um das Kürzel
des Arbeitgebers von Frau Dr. Carius zu entschlüsseln. In dem Antwortschreiben
des Thüringer Parlaments an Frau Dr. Carius wurde weiter festgestellt,
dass das Handeln des Polizeidirektionsleiters "nicht zu den polizeilichen
Aufgaben im Rahmen der Vorbeugung oder Bekämpfung von Straftaten
aufgrund polizeilicher Vorschriften" gehörte. Herr Lierhammer
sei deshalb vom damaligen Innenminster Köckert gerügt worden.
Weitere disziplinarische Maßnahmen wurden aber nicht ergriffen.
Spätestens hier erreichte der Tod von René Bastubbe offiziell
die Bühne der Thüringischen Landespolitik. Die SPD-Fraktion
im Thüringer Landtag forderte in einer Erklärung weitere "dienstrechtliche
Konsequenzen" [TA, 18.10.02], un die SPD Landtagsabgeordnete Dagmar
Becker gab sich nicht mit den Vermutungen des Innenministers zufrieden:
"Dagmar Becker bezweifelt jetzt Köckerts angabe, der Polizeichef
habe über den veröffentlichten Leserbrief die Arbeitsstelle
der Mitarbeiterin erfahren." [TA, 18.10.02]
Interview mit
der Thüringischen Landtagsabgeordneten Dagmar Becker (SPD)
Seit 1994 ist
Dagmar Becker Abgeordnete im thüringischen Landtag. Gleichzeitig
ist sie seit 1999 Fraktionsvorsitzende der SPD im Kreistag Nordhausen.
In der Landtagsfraktion ist die 47jährige Umweltpolitische Sprecherin.
Der Wahrschauer führte das Interview am 9.12.02 in ihrem Wahlkreisbüro
in Nordhausen.
Wahrschauer:
Inwieweit hat sich der Thüringische Landtag mit den Todesschüssen
auf René Bastubbe beschäftigt?
Becker: Der
Vorgang wurde im Innenausschuss des Thüringischen Landtages behandelt.
In dieser Sitzung, die allerdings nicht öffentlich war, wurde auf
einen Erlass eingegangen, in dem vorgeschrieben ist, dass bei solchen
Vorfällen, wenn ein Polizist bei einem Schusswechsel betroffen ist,
das Innenminsterium ermittelt und nicht die eigene Polizeidirektion, wie
es in dem Fall von René Bastubbe in Nordhausen passiert ist. Leider
zog der Innenminister daraus keine Konsequenzen, im Gegenteil: Es gab
Unstimmigkeiten zwischen dem Innen- und Justizministerium, wer dafür
verantwortlich sei, dass der Erlass in diesem Fall nicht umgesetzt wurde.
Wahrschauer:
Um was ging es dabei?
Becker: In
dem Ausschuss wurde erklärt, die Staatsanwaltschaft Mühlhausen
hätte darum gebeten, dass die Kripo Nordhausen weiter ermitteln soll;
dem widersprach das Justizminsterium. Nach deren Meinung hat das Innenminsterium
die Anweisung erteilt, dass die eigene Polizeidirektion weiter ermittelt.
Wahrschauer:
Dabei hat doch der damalige Innenminister Köckert selbst diesen Erlass
erlassen, nach dem bei einem Schusswaffengebrauch durch Polizisten die
Abteilung "Interne Ermittlungen" den Fall zu untersuchen hat.
Das Justizministerium ist also der Meinung, dass auf Köckerts Anweisung
sein eigener Erlass umgangen wurde?
Becker: Richtig.
Wahrschauer:
Aktuell versucht die SPD-Fraktion den Fall in Nordhausen wieder auf die
Tagesordnung des Innenausschusses zu setzten?
Becker: Ja,
aber da die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, geht es uns genauso
wie den Journalisten: Das Innenministerium erstattet uns auch im Innenausschuss
mit genau diesem Argument keine weiteren Berichte zu diesem Fall.In den
Medien war vor kurzem zu lesen, dass die Ermittlungen bald abgeschlossen
seinen. Dann soll sofort auch im Innenausschuss berichtet werden.
Wahrschauer:
Kann der ehemalige Innenminister Köckert nicht froh sein, dass er
bereits Ende Oktober diesen Jahres wegen der verschwundenen Verfassungschutzdaten
zurückgetreten ist?
Becker: Die
Sachen haben sich summiert. Er ist bereits durch die Verfassungsschutzaffäre
als Innenminister nicht mehr tragbar gewesen.
Wahrschauer:
Der Nachfolger von Hernn Köckert ist andreas Trautvetter (auch CDU).
Trägt der neue Innenminister nicht inzwischen auch politische Verantwortung
für die fortgesetzte Taktik des Unter-den-Teppich-Kehrens?
Becker: Ich
weiß nicht, inwieweit der Herr Trautvetter im Einzelnen informiert
ist. Sobald er Innenminister ist, muß er sich informieren lassen
und hat gegebenenfalls die politische Verantwortung dafür zu tragen,
wenn er fehlerhafte Dinge nicht anders handhabt als sein Vorgänger.
Bei so einem brisanten Fall hätte ich mir schon gewünscht und
erhofft, dass ein neuer Innenminister ein Zeichen setzt, dass er an diesen
Fall anders herangeht. Das ist aber nicht erkennbar.
Wahrschauer:
Der Anruf des Nordhauser Polizeidirektors Günter Lierhammer beim
Arbeitgeber einer Leserbriefschreiberin der Thüringischen Allgemeinen
Zeitung beschäftigte ebenfalls inzwischen den Thüringer Landtag.
Wird sich die SPD-Fraktion damit zufrieden geben, dass der Innenminister
den Polizeidirektor daraufhin lediglich gerügt hat und keine disziplinarischen
Maßnahmen verfügt wurden?
Becker: Das
ist ein Thema, das uns noch beschäftigen wird. Nur: Das Petitionsverfahren
ist ein geschlossenes Verfahren. Erst nachdem dieses Verfahren
im Petitionsausschuss abgeschlossen ist, werden wir als SPD-Fraktion über
weitere politische Konsequenzen in Bezug auf Herrn Lierhammer, den Leiter
der PD in Nordhausen, nachdenken.
Wahrschauer:
Wie hat nach Ihrer Kenntnis der Arbeitgeber von Frau Dr. Carius reagiert?
Becker: Er
zeigte Unverständnis dafür, dass er wegen eines kritischen Leserbriefes
einer Mitarbeiterin seiner Behörde durch den Polizeidirektor persönlich
angerufen und unter Druck gesetzt wird.
Wahrschauer:
Ist Frau Dr. Carius von Herrn Lierhammer auch privat angerufen worden?
Becker: Ja.
Er hat auch micht angerufen.
Wahrschauer:
Lierhammer hat auch Sie persönlich angerufen?
Becker: Ja,
ich erhalte auch Anrufe von Herrn Lierhammer. Er hat mich angerufen und
sein Unverständnis darüber geäußert, wie ich politisch
mit diesem Fall umgehe. Er würde sich keiner Schuld bewußt
sein und nur seinen Dienst tun.
Wahrschauer:
Wissen Sie, welchen Posten er vorher in Bayern gehabt hat und ob er dort
ebenfalls auffällig wurde?
Becker: Nein,
ich kenne ihn erst, seitdem er Chef der Polizeiinspektion in Saalfeld
gewesen ist. Ich habe im Zusammenhang mit der großen Demonstration
der Nazis 1996 zum ersten Mal einen Kontakt zu Herrn Lierhammer gehabt.
Wahrschauer:
In Nordhausen ist eine Genossin von Ihnen Bürgermeisterin. Könnte
diese sich nicht deutlicher zu Herrn Lierhammer äußern?
Becker: Im
Fall der Todesschüsse auf René Bastubbe hat sie Rückgrat
gezeigt, z. B. war sie auf der Beerdigung anwesend, obwohl sie deshalb
politisch stark angegriffen wurde. Für Frau Rinke ist das eine schwierige
Situation. Als Bürgermeisterin kann sie sich nicht aussuchen, wer
in ihrer Region Chef der Polizei ist, und sie muss mit ihm auf unterschiedlichen
Ebenen zusammenarbeiten.
Wahrschauer:
Kann sie sich nicht trotzdem deutlicher öffentlich äußern?
Becker: Es
gibt eine Verbreitete Mentalität bei den Polizisten, die ich in vielen
Gesprächen nach diesem Vorfall festgestellthabe. Sie stehen zu der
Art und Weise von Herrn Lierhammer und sagen, dass er sich für sie
einsetzt und erkennt, was sie brauchen.
Wahrschauer:
Die Bürgermeisterin hat jedoch nicht nur die Polizisten zu vertreten.
Sie ist von den Bürgern gewählt worden, die z.T. durch die Kompetenzüberschreitungen
des Polizeidirektors und das offensichtlich nicht immer ganz korrekte
Verhaltenseiner Beamten betroffen sind.
Becker: Ich
denke, dass sie sich nicht zuletzt aufgrund des starken politischen Ggenwindes
in dieser Sache zurückhalten wird. Schließlich ist der Meinungsbildungsprozess
auch innerhalb der SPD zu dieser Frage noch nicht ganz abgeschlossen.
Die Position, die ich vertrete, ist innerhalb der SPD wahrscheinlich momentan
auch nicht mehrheitsfähig. Das interessiert mich aber nicht. Hier
geht es um Bürgerrechte. Ich will keinen Polizeistaat. Das ist meine
Meinung, und die sage ich auch. Als Bürgermeisterin von Nordhausen
ist das nicht ganz so einfach. Als Polizeidirektor für die ganze
Region hat Herr Lierhammer auch einen größeren Einfluss als
Frau Rinke als Bürgermeisterin.
Wahrschauer:
Ich habe den Eindruck, dass man hier in Nordhausen im Zusammenhang mit
den polizeilichen Todesschüssen auf ein Kartell des Schweigens stößt.
Becker: Das
ist ganz traurig. Die Mehrheit der Menschen interessiert das hier nicht.
Auch seine Beamten werden zum Teil von ihm eingeschüchtert. So lange
die sich aber nicht wehren, kann man als Politiker nicht immer voran gehen
und irgendetwas fordern, was die Menschen darunter nicht auch einfordern.
Wahrschauer:
Inwiefern werden seine Polizisten zum Teil eingeschüchtert?
Becker: Sie
müssen davon ausgehen, dass ihre Karriere gefährdet ist, wenn
sie seine Linie nicht vertreten.
Wahrschauer:
Vielen Dank für das Gespräch.
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